Aktuelle Publikation: Das Adressbuch des Kreises Schlawe 1928

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Karl Rosenow: Der große Brand von Karnkewitz und seine Sühne

Es gibt Texte, die man - aus welchen Gründen auch immer - nur ein einziges mal lesen muss, um sie nie wieder zu vergessen. Der folgende kurze Bericht einer Brandstiftung zu Beginn des 19. Jahrhunderts im Dorf Karnkewitz, Kreis Schlawe zählt nach meiner Ansicht dazu. Im Original stammt dieser Artikel aus der Feder des bekannten hinterpommerschen Heimatforschers Karl Rosenow.

 

Im Dunkel der Nacht lag das Dorf Karnkewitz da. Man schrieb zwar den 7. Mai 1801; aber ein heftiger Sturm fegte durch die Wälder in weiter Runde, dass sich die Bäume in ihrem ersten Maiengrün ächzend bogen. Er strich auch die Dorfstraße entlang und rüttelte an den Fenstern und Türen der alten Rauchhäuser. Hochauf wurden die Wasser des nahen Sees gewühlt. Keine Menschenseele ließ sich blicken, selbst der Nachtwächter hatte es vorgezogen, zu Hause zu bleiben. Da schlich eine dunkle Gestalt zum Hofe des Bauern Jakob Pieper und machte sich an den niedrigen Strohdächern zu schaffen. 

Plötzlich flammten Feuerzungen auf, die sich in rasender Schnelligkeit über die Dächer verbreiteten. Der Hof glich einer Feuersäule, schon griff die Lohe über den zweiten und dritten Hof, und immer noch rührte sich niemand, lag alles noch im tiefsten Schlafe. Nur die Hunde heulten, und das Vieh brüllte in den Ställen. Das brachte denn doch einige zum Erwachen. Entsetzt sahen sie den roten Schein durch die kleinen Fenster in die niedrigen Stuben hineinzittern, sprangen aus den Betten hinaus in bloßen Hemden ins Freie. Da war das ganze Dorf schon ein einziges Feuermeer. Auch Försterei und Küsterei standen in Flammen, und gierig leckten die roten Zungen am hölzernen Kirchlein hinauf.

Als der Bauer Pieper erwachte, brannte schon das ganze Rauchhaus, und das Feuer fand im ausgetrockneten Gebälk immer neue, willkommene Nahrung. Es gelang ihm, die Familie bis auf sein zweijähriges Töchterlein ins Freie zu schaffen. Als er versuchte, dies auch zu retten, stürzte über ihm das Haus zusammen und begrub beide unter seinen Trümmern. Schreiend und heulend versuchten die Frauen in bloßen Hemden immer wieder in die Häuser zu dringen, um das Notwendigste zu retten; aber nur wenige Habe konnte geborgen werden, indes die Männer sich mühten, das Vieh aus den Ställen herauszubringen. An ein Löschen des Brandes war nicht zu denken.

Am Morgen des 8. Mai lag das ganze Dorf in Asche. Kirche, Küsterei, Försterei und sämtliche Höfe waren niedergebrannt, nur die beiden abseits am See gelegenen Kolonistenkaten waren verschont geblieben.

Es war klar, dass Brandstiftung vorlag. Durch unvorsichtige Äußerungen verriet sich der Mordbrenner. Es war der 57 jährige Jakob Geske aus Rußhagen, den man schon im Verdacht mancher in letzter Zeit vorgefallener und nicht aufgeklärter Untaten hatte. Er hatte sich seit langem umhergetrieben und ein vagabundenhaftes Leben geführt. Bald wurde er ausgekundschaftet, ergriffen und nach Rügenwalde abgeführt. Die Untersuchung entrollte ein solches Bild unmenschlicher Rohheit und Verkommenheit, dass man sich schaudernd davon abwenden musste. Geske zeigte keine Spur von Reue und leugnete nicht im geringsten. Er habe einmal sehen wollen, wie ein großer Brand aussähe. Unter der Brücke über den Seekanal habe er gesessen und dem Feuer zugesehen, das er an drei Stellen im Dorfe angesteckt. Besonderen Spaß hätte er davon gehabt, wie die Bauernweiber und Kinder in bloßen Hemden umhergesprungen seien.

Er gestand auch ohne weiteres den Mord eines Köhlers, den man eines Tages in der Karnkewitzer Forst tot aufgefunden hatte, den Kopf mit Teer verbrannt. Den Mann habe er schlafend im Walde beim Teerschwelen gefunden. Den Mund habe er offen gehabt und laut geschnarcht. Da habe er eine Schöpfkelle voll Teer genommen und ihm in den Mund geschüttet. Das sei aber zu lustig gewesen, wie der Mann plötzlich aufgesprungen sei und wie wahnsinnig umhergetanzt habe. Solchen schönen Anblick habe er noch nie gehabt. In Anbetracht der beispiellosen Rohheit und Verkommenheit wurde er zum Feuertode verurteilt, und das Urteil wurde am 2. Juli 1802 auf dem Hügel vor dem Dorfe vollstreckt. Tausende von Menschen von Köslin bis Rügenwalde waren dazu herbeigeeilt. Auf dem Hügel hatte man einen starken Eichenpfahl eingegraben, an den Geske festgebunden wurde. Noch beim hinaufschreiten des Hügels rief er: "Nein, wie mich das gefreut hat, wie der Kerl getanzt hat." Um den Pfahl herum hatte man Holz und Reisig zu einem hohen Walle aufgeschüttet. Noch am Pfahle soll er gelacht haben, bis man den Scheiterhaufen angezündet habe. Auf dem Hügel vor dem Dorfe richtete man später einen hohen Pfahl zur Erinnerung auf, der mehrmals erneuert wurde. Alte Einwohner in Rügenwalde erzählten oft von diesem Brandpfahl bei Karnkewitz. Dies dürfte die letzte Verbrennung in Pommern gewesen sein.

 

Quelle: Ostpommersche Heimat - Beilage der Zeitung für Ostpommern Nr. 20/1935

 

 

 

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