Aktuelle Publikation: Das Adressbuch des Kreises Schlawe 1928

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Sitten und Gebräuche in Altschlawe

 

 

 

 

Orts- und Familienforschung kann sich nicht allein mit den Namen und Lebensdaten der Vorfahren und Familienangehörigen befassen. Ebenso wichtig und interessant sind Kenntnisse der Sprache, der Kultur und Lebensweise sowie weitere Informationen aus dem Alltag der Menschen vergangener Zeit. All diese Bereiche erhalten ihre Bedeutung auch aus ihrer begrenzten Gültigkeit, da sie sich nicht nur regional unterschieden, sondern vielfach bereits von Ort zu Ort, von Dorf zu Dorf verschieden waren. Daher ist es insbesondere für die Altschlawer Heimatforschung erfreulich, dass eine Reihe dieser Sitten und Gebräuche aus dem 19. Jahrhundert überliefert wurden. Die folgende Beschreibung stammt von dem Heimatforscher Hugo Gosch, welcher - selbst von Vorfahren aus Altschlawe stammend - im Jahre 1925 die bereits damals teilweise verschwundenen Sitten und Gebräuche dieses Dorfes für die Nachwelt niederschrieb. 

 

 

Sonntag.   

 

In stiller Morgenstunde träumt das Dorf. Nur hin und wieder klappt die Pfortenklinke neben den geschlossenen großen Hoftoren, und ein Bursche schreitet bedächtig in blankgewischten neuen Holzpantoffeln über den sauber gefegten Vorplatz, um eine Besorgung auszurichten. Sonst ruht die Arbeit. Noch ist den Leuten das 3. Gebot heilig. Das beweist auch der lebhafte Verkehr, der plötzlich einsetzt, als die beiden alten Glocken der Dorfkirche gegen 11 Uhr vormittags zum Gottesdienst rufen. Aus allen Höfen treten ernst und gemessen junge und alte Kirchgänger. Regelmäßiger Kirchenbesuch ist selbstverständliche Pflicht, und zwar geht abwechselnd Sonntag für Sonntag die Bauernfamilie und das Gesinde.   Betrachten wir die Kirchenbesucher näher, so fällt uns ihre einfache, dunkle Tracht auf. Die Männer in derben, selbstgewebten Schoßröcken, mit zweireihigen, hochgeschlossenen Westen, schwarzen Vorhemden und derben Stiefeln. Das Gesicht ist glattrasiert. Bärte gelten als ungehörige Attribute von Bankrottmachern und Betrügern. Den Kopf bedeckt im Sommer eine flache, leichte Tellermütze; ihre Stelle vertritt im Winter eine dickere Wollmütze, die mitunter Pelzverbrämung zeigt. Auch die Sonntagstracht der Frauen ist schlicht. Das lange, weite und faltige Kleid wird um Brust und Schultern von einem großen, dunklen Umschlagetuch verdeckt, das nur zu Festzeiten durch ein buntfarbiges ersetzt wird. Das Umschlagetuch ist ein unentbehrliches, wichtiges Stück der Aussteuer für die jungen Frauen. Dazu kommt die Frauenhaube, mit Bändern und Schleifen verziert. Die Mädchen dagegen gehen ohne Tuch mit bloßen Kleide und im bloßen Kopfe. Frauen und Mädchen halten in beiden Händen das Gesangbuch, auf dem ein zusammengefaltetes Taschentuch und ein paar Blumen oder Riechblätter liegen. Gemessenen Schrittes treten die Kirchgänger durch die Pforte des Gottesackers, der die Kirche umgibt und der noch heute als letzte Ruhestätte der Dorfbewohner dient. Andächtig lüften die Männer ihre Mützen und gehen mit den Frauen noch für eine kurze Zeit zu den Gräbern ihrer Angehörigen. Dann läutet es zum zweiten Male; wieder greifen die Männer an ihre Kopfbedeckungen, und das Gotteshaus nimmt die Kirchenbesucher auf.   Ist nach etwa zwei Stunden die Feier beendet, so strömt alles den heimischen Höfen zu, um sich an dem einfachen, aber kräftigen Sonntagsmahl zu stärken. Aber noch sind die religiösen Pflichten nicht erfüllt. Bald nach dem Essen versammelt sich die Familie in der Wohnstube, wo der Hausherr oder die Frau die Predigt des betreffenden Sonntags vorliest. In den meisten Familien wird für diesen Zweck die "Prediger- und Hirtenstimme" des Pfarrers Kleiner aus dem 18. Jahrhundert benutzt. Noch heute ist das umfangreiche Predigtbuch in manchen Familien vorhanden. Im Sommer hält der Küster am Sonntagnachmittag noch einen Lesegottesdienst ab, der auch meist gut besucht ist. Im übrigen verläuft der Rest des Sonntages in ungestörter Ruhe. Die jungen Burschen sitzen wohl in ihren buntgeblümten Unterjacken, weißen Strümpfen und Holzpantoffeln zusammen und schwatzen; Nachbarn und Freunde tauschen bei gegenseitigem Besuch die Neuigkeiten aus; aber kaum einer geht ins Wirtshaus. Tanzlustbarkeiten und Trinkgelage sind so gut wie unbekannt.   Bald senkt sich der Abendfrieden über das Dorf. In den Häusern werden die angezündeten Öllämpchen nach dem Abendessen bald wieder gelöscht. Man geht sparsam um mit dem teuren Brennstoff und begibt sich zeitig zur Ruhe; denn in aller Frühe beginnt am anderen Morgen das saure Tagewerk der Woche, bis am nächsten Sonntag wieder die notwendige Erholung winkt. 

 

 

Weihnachten. 

 

Die am Sonntage hervortretende Kirchlichkeit der Altschlawer zeigt sich auch bei den hohen christlichen Festen. Vom ersten Adventssonntage ab hält der Pastor wöchentlich eine Bibelstunde zur religiösen Vorbereitung auf das Weihnachtsfest. Am heiligen Abend läutet der Küster das hohe Fest in besonders feierlicher Weise ein, er beiert (plattdeutsch: begert). Dabei fasst er mit jeder Hand den Klöppel einer Glocke, dann führt er mit dem Klöppel der großen Glocke einen Schlag gegen deren Innenwand, so dass ein tiefer Ton entsteht, worauf in schnellerem Tempo drei Schläge gegen die kleinere Glocke folgen usf. Am Abend findet dann eine Weihnachtsfeier in der Kirche statt. Dagegen fehlen besondere Feiern im Familienkreise; der uns heute so vertraute Tannenbaum ist noch unbekannt. Auch ein besonderes Beschenken oder Bescheren kennt man in den Familien nicht; nur das Gesinde bekommt seinen "Wihnachten", gewöhnlich ein Schwarzbrot, einen Weizenstollen (Stuten) und einen Taler. Das Kuchenbacken kommt erst später auf; dafür gibt es selbstgebackene Pfeffernüsse zu Weihnachten. Mit diesen sowie mit Haselnüssen treibt das Jungvolk in der Weihnachtszeit das "Kluckern“. Beliebt ist dabei das Rätselspiel: Hülte Nütt, tünne Nütt! Wo mänch' is dit?' Der Gefragte muss nun erraten, wieviel Nüsse der Fragesteller in den geschlossenen Händen hält.   Nach den Festtagen beginnt als besondere Arbeit das Abstreifen der Gänsefedern. Bis Neujahr muss diese Arbeit beendet sein. Dagegen ruht zwischen Weibnachten und Neujahr, den heiligen Zwölfnächten, eine Reihe anderer Arbeiten, weil sonst nach altem Volksglauben Unheil droht. Da darf man z. B. keinen Dung aus den Ställen entfernen, sonst stirbt das Vieh; die Frauen und Mädchen müssen das Spinnen einstellen, sonst bekommt das Vieh Läuse. Auch dürfen die Hausfrauen keine Wäscheleine ziehen, das würde einen Todesfall in der Familie herbeiführen. 

 

 

Ostern. 

 

Die Passionsgottesdienste vor dem Osterfest liegen nicht, wie sonst üblich, in den Nachmittagsstunden, sondern am Vormittage von 11 - 12 Uhr. Am Karfreitag versammelt sich die Gemeinde vollzählig in der Kirche, und fast sämtliche Erwachsenen gehen zum Abendmahl. Fleischgenuss ist verpönt. Zum Mittag genießt man meistens saure Eier mit Grütze oder Reis.   In der Frühe des Ostermorgens, noch vor Sonnenaufgang, eilen die jungen Mädchen mit Krügen zur nahen Wipper, um aus dem Flusse das segenspendende Osterwasser zu schöpfen. Junge Burschen versuchen wohl, die Mädchen zu necken, damit sie plaudern oder sich umsehen. Dann verliert das Wasser seine Heilkraft, es wird Schlodderwasser. Sind die Wasserholer aber glücklich heimgekehrt, so benutzen sie das Osterwasser zum Waschen; es verleiht ja Schönheit und Gesundheit. Der Rest wird für späteren Gebrauch sorgfältig aufbewahrt. Nun gilt es, den am Vorabend zusammengefegten Kehricht aus den Stuben unbemerkt über die Grenze des Gehöfts zu schütten; damit vertreibt man für das kommende Jahr die Flöhe und ähnliches Ungeziefer. Die Hausfrau zögert noch mit dem Frühstück; denn das Haus, aus dessen Schornstein am Ostermorgen der erste Rauch aufsteigt, zieht damit die Mäuse der Umgebung an. Der Hausherr schreitet vor das Tor und prüft bedächtig die Windrichtung; denn aus derselben Himmelsrichtung wie am Ostermorgen weht der Wind bis Himmelfahrt.   Die Langschläfer aber werden am Ostermorgen durch Kinder und Jugendliche geweckt, die mit Osterruten herumziehen, um zu stiepen (schmackostern). Dafür erhalten sie Ostereier oder andere Gaben. Am ersten Ostertag nimmt man die Abendmahlzeit recht zeitig ein; dann wird auch die Getreideernte im Sommer früh beginnen. 

 

 

Pfingsten. 

 

Mit frischem Maiengrün aus Birken und Kalmus schmückt man zum schönsten Fest des Jahres die Häuser und Ställe des Dorfes. Der Hütejunge setzt sogar der besten Weidekuh aus der Herde seines Bauern einen Kranz aus Malen auf die Hörner, wenn er am ersten Pfingsttage austreibt. Für diese Aufmerksamkeit darf er von seinem Herrn ein Geschenk fordern. Dann beeilt er sich, um nicht zu spät mit seinen Pflegebefohlenen auf der Flur zu erscheinen; wer als letzter am Pfingstfeste austreibt, muss sich den Spottnamen "Pfingstlümmel" gefallen lassen.

 

 

 

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Copyright © Mathias Sielaff, Januar 2002