Aktuelle Publikation: Das Adressbuch des Kreises Schlawe 1928

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Ewald Wetzel: Das Blattern- oder Pockenjahr 1792

Im Jahr 1792 wurde das Dorf Wendisch-Tychow, Kreis Schlawe von einer schweren Krankheit getroffen. Fast die gesamte Bevölkerung war an Pocken erkrankt. Der folgende Artikel erschien in "Das Kirchspiel Wendisch-Tychow/Notzkow" von Ortrun Radloff (Hrsg.). Im Original stammt dieser Bericht von dem alten Tychower Dorflehrer Ewald Wetzel.

 

Erfreulicherweise ist heute durch die Einführung des Impfzwanges die Zahl der Pockenerkrankungen in Deutschland eine verschwindend kleine geworden. Als es aber noch kein Reichs-Impfgesetz gab, und auch das ärztliche Wissen keine wirkenden Vorbeugungs- und Heilmittel kannte, rafften die Pocken mehr als die Hälfte der Kranken hinweg, und hinterließen den dem Tode Entronnenen Siechtum und Gebrechen. Das Auftreten von Pusteln an den Augen hatte vollkommene oder teilweise Erblindung, ihr Erscheinen in den Gehörgängen Taubheit oder Schwerhörigkeit zur Folge. Für Wendisch-Tychow war das Jahr 1792 ein Jahr des Schreckens. Diese unheimliche, bekannte und gefürchtete Krankheit hatte Einzug gehalten. Niemand wusste, woher sie gekommen, denn ganz unvermittelt war sie ausgebrochen. Wer heute noch gesund und munter war, bei dem zeigten sich schon morgen die ersten Anzeichen dieser bösen Infektionskrankheit. Mit rasender Schnelligkeit griffen die Pocken um sich. Es gab Familien, deren sämtliche Angehörige zu Bett lagen und die unter den schmerzvollen Qualen zu leiden hatten. Im ganzen waren es im genannten Jahr 171 Personen, die der Krankheit anheimgefallen waren. Neun Tote hatte das Dorf zu beklagen, fünf Knaben und vier Mädchen. Grässlich waren aber die Geheilten anzusehen. Das Gesicht entstellt, schwarz mit strahligen Pockennarben. Nur der rührenden Umsichtigkeit des damaligen Besitzers von Wendisch-Tychow, Hautpmann Ewald von Kleist, war es zu verdanken, dass der bittere Tod nicht reichere Ernte hielt. Für die Erkrankten nahm er sogleich ärztliche Hilfe in Anspruch und ließ sie von dem damals in Schlawe ansässigen Doktor Wegner behandeln, Im Kirchenbuch zu Wendisch-Tychow, dessen Eintragungen bis in das Jahr 1617 zurückreichen, steht hierüber folgende Notiz:   "Eine notwendige Bemerkung, welche der Vergessenheit zu entreißen für dienlich erachtet wird. Im Jahre 1792 herrschten die Pocken in dem ganzen Kirchspiel sehr stark. In Tychow allein betrug die Summe der Pocken-Patienten 171 Personen, unter diesen befanden sich die hochwohlgeborene Frau Gemahlin des Patronus Herrn Hauptmann Ewald von Kleist nebst zwei Töchtern und dem einzigen Sohne, welcher sie inoculiert wurden. Noch war unter ihnen der Herr Inspektor Krüger und Christian Duhack, erster Bedienter im Hofe. Die Patienten waren fast alle durch Herrn Dr. Wegner in Schlawe präpariert worden und manche Kinder inoculierten sich selbst die Pocken. Gott segne alle diese Bemühungen also, dass in Tychow von 171 Personen an den Pocken nur starben, fünf Söhne und vier Töchter in Summa 9 Personen. In Notzkow hatten sechs Söhne und vier Töchter die Pocken oder die Hälfte, weil man dort alles von dem blinden Schicksal erwartete. Möchte doch der allgemeine Haufe erkennen lernen, dass es Gottes Wille sei, überall zu Werke zu gehen. Tychow, den 1. November 1793 Dr. Nemitz, Prediger Nota: Herr Hauptmann und Patronus hält seit mehr als fünfzehn Jahren beständig einen Arzt für seine Untertanen. Gott vergelte es ihm in Zeit und Ewigkeit."

Wie dankbar war man, als gegen Ende des Jahres ein allmähliches Erlöschen der Blattern eintrat. Fünf Jahre später, 1798, veröffentlichte dann der englische Arzt Jenner die von ihm erforschte Tatsache, dass eine Impfung mit dem Inhalt der am Euter der Kühe zuweilen vorkommenden pockenähnlichen Pusteln einen Schutz vor der Erkrankung an Blattern gewährt. Diese Beobachtung wurde bald durch weitere Beispiele bestätigt.   Seit dem 8. April 1874 ist in Deutschland ein auf diese Beobachtungen gegründetes Impfgesetz eingeführt, das die Zahl der Pockenerkrankungen verschwindend kleiner gemacht hat.

 

Quelle: Ortrun Radloff (Hrsg.): "Das Kirchspiel Wendisch-Tychow/Notzkow", Plath 1996

 

 

 

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